Antonio Ficara als ältester Sohn einer Bauernfamilie ist als Junge gemeinsam mit den Bäumen um die Wette gewachsen. Nachdem sein Vater verstarb, übernahm Antonio die Verantwortung für die Familie und die kleine Landwirtschaft und sorgte dafür, dass das Wissen um die Olive nicht verloren ging. Doch der Weg bis hin zu einem typisch sizilianischen Olivenöl, das wir heute in den Händen halten, war kein direkter.
Antonio studierte Oralchirurgie und lehrte in der Toskana und Venetien an den Universitäten Siena und Vicenza und gründete eine eigene Familie. 1986 dann wurde der Ruf der Heimat jedoch immer stärker. Lange Rede kurzer Sinn: La Famiglia ist zu den Wurzeln zurückgekehrt.
Antonio begann nach und nach, das verwilderte Grundstück zu befreien und das Haus zu renovieren, ganz originalgetreu. Eine unbeschilderter, enger Landwirtschaftsweg führt heute wie damals zu einem riesigen steinernen Tor mit eingemeißeltem Gutsnamen: Cavasecca. Als wir das erste Mal Fuß in dieses Kleinod setzen, erahnen wir bereits, mit welcher Hingabe Vergangenheit und Gegenwart an diesem Ort in Einklang gebracht werden.
Tritt man durch das steinerne Tor hindurch, führte ein schnurgerader Weg durch die Olivenhaine. Die Bäume sind noch relativ jung und wirken neu eingepflanzt. In den Reihen herrscht Ordnung und die Pflanzen sehen sehr gepflegt aus. Während wir den Weg zum Haus entlang flanieren, scheint uns die Sonne auf den Pelz. Es ist Sommer und 27 Grad heiß, den wohltuenden Schatten finden wir unter dem imposanten 600 Jahre alten Olivenbaum, der das alte Gemäuer wie ein stummer Wächter beschützt.
Grund unseres Besuchs ist das Olivenöl von Cavasecca, das erst seit Kurzem kommerziell angeboten wird. Zuvor hatte Antonio Ficara nur winzige Mengen für die Familie und Freunde produziert. Als sein Sohn Dario vor einigen Jahren anfängt, sich für die Tenuta zu interessieren, läutet dies ein ganz neues Kapitel für die Familie ein. Aus einem Hobby wird ein gut organisiertes, anspruchsvolles Projekt. Denn Dario erweckt die Olivenplantage zu neuem Leben und stellt großartige Olivenöle her.
Dario empfängt uns mit offen Armen. Er hat an der Wirtschaftsuniversität Bocconi in Mailand studiert und Berufserfahrung in Südamerika gesammelt. Jetzt steckt er seine ganze Energie in die Tenuta. Er ließ neue Olivenbäume pflanzen und die Produktion bio-zertifizieren. Der Vater ist Darios wichtigster Gesprächspartner. Denn für den Sohn ist nicht nur dessen Rat kostbar, sondern vor allem die gemeinsame Liebe für die Campagna und die Region, aus der sein Vater stammt. Gemeinsam mit ihm will er ihr etwas geben, eine neue Vision, einen Schritt in die Zukunft.
Erst einmal ist es aber viel Arbeit. In den Olivenhainen ist es vor allem Handarbeit. Jeder Baum wird einzeln per Hand bewässert. Das Terrain wird penibel sauber gehalten, um der garstigen Olivenfliege keinerlei Angriffsfläche zu bieten. Dauernd wird kontrolliert. Die Ernte erfolgt händisch und jede Olive mit noch so kleiner Verletzung wird aussortiert.
Noch wird die Ernte bei Cutrera verarbeitet, die beste Wahl, die man treffen kann. Innerhalb von 12 Stunden nach der Ernte werden sie gepresst. „Aber“ erklärte Antonio seinem Sohn, „du musst mit den Oliven dorthin fahren und dabeibleiben. Man weiß nie, ob nicht fremde Früchte dazwischenkommen.“ Das lernt man nicht auf der Bocconi.
Während unseres Spaziergangs durch den Olivenhain sind wir überrascht, wie wohlgeordnet die einzelnen Sorten klar getrennt voneinander stehen. Die Tonda Iblea hat Antonio bereits vor 15 Jahren angepflanzt. In einem Teil jedoch wachsen die traditionellen Sorten Siziliens durcheinander wie Siracusana, Nocellara, Biancolilla und Ogliarola.
Dario kümmert sich nicht nur um mit viel Hingabe um die Haine, auch um die Vermarktung der Öle fällt in sein Aufgabengebiet. Sie sind in individualisierte, handliche Flaschen abgefüllt und die Motive sind Ausschnitte aus Bildern eines befreundeten Künstlers aus Syracusa, dem Maler Gaetano Tranchino. Die Namen der beiden Öle, die Cavasecca bisher produziert, stammen aus dem sizilianischen Dialekt. So steckt in jedem Klecks Olivenöl eine große Portion Heimatliebe.
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